Nein. Einfach nur nein.

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Johnny Depp und die Australierin

Alle meine Mitbewohner sind ausgezogen, zwei Neue habe ich gefunden, die Letzte wurde einfach von der Hausverwaltung in die WG gesetzt. Ich hätte mir das Hipstermädchen mit dem Oversize-Mantel nicht ausgesucht, aber besser als Lisa das Pferdemädchen, das bald mit ihrem Jura-Studium beginnt.

In der letzten Woche hat meine Lieblingsmitbewohnerin noch eine Woche hier übernachtet, bevor sie am Samstag die Schlüsselübergabe hatte. Und weil Samstag war und somit ihre letzte Nacht in der WG bevor stand, mussten wir natürlich feiern gehen.

Weil Semesterferien sind und alle irgendwie in anderen Ländern oder Städten waren, fanden wir niemanden, der mitkommen wollte. Aber egal. Ich kann auch zu zweit gut feiern gehen. Wir deckten uns also mit Limetten, Minze und Rum ein und hatten nach nur vier Mojitos pro Person die gesamte Flasche ausgetrunken. Passiert!

 

„Wenn ich betrunken bin, kann ich nur noch Englisch denken. Also rede ich jetzt schon mal auf Englisch mit dir!“ Meine Mitbewohnerin ist eine echte Lisa und war kurz vorher ein paar Wochen in Afrika, weswegen ihr die deutsche Sprache jetzt also schwer fiel. Mit einem fürchterlichen und in meinen Ohren wirklich eklig klingenden Akzent versuchte sie mir ihren nigerianischen Namen beizubringen. „Onion, ne?!“ Nein. Falsch. Aber besser bekam ich es nicht hin, schließlich habe ich betrunken einen fürchterlichen australischen Akzent. Total aufgedreht malten wir uns die Lippen an, suchten uns Taschen aus und schossen dämliche Klo-Selfies. Während ich dabei war, Taylor Swift Songs mitzugröhlen, kotzte sich Onion ne?! über der Küchenspüle die Seele aus dem Leib. Und legte sich danach in ihr provisorisches Bett. Ich lockte sie mit Brot und Kaugummi wieder daraus und irgendwie schafften wir es dann doch noch aus dem Haus zu kommen. Keiner weiß wie.

 

Eigentlich wollten wir tanzen gehen. Uneigentlich landeten wir in meiner Lieblingsbar, die Onion ne?! noch gar nicht kannte und machte sich gleich daran alle möglichen Menschen anzuquatschen. „Ich bin Onion ne?! und das ist Anna. Ich komme aus Nigeria und sie aus Australien!“ Tja. Das machen echte Lisas nun mal so und ich machte mit. Das war witzig. Selbst die Leute, die ich seit zwei Jahren regelmäßig in dieser Bar treffe, machten mit, obwohl sie genau wussten, dass ich auch Deutsch rede. Aber das war halt witzig.

 

Wenn man mit Onion ne?! feiern geht, kann man damit rechnen, dass man nach zehn Minuten alleine irgendwo steht. Aber ich war ja Australierin und wir sind sehr kontaktfreudig und offen. „Hallo! Meine Freundin ist verschollen. Könnt ihr meine neuen Freunde sein?“ Da konnte keiner „nein“ zu sagen und schon hatte ich neue Freunde. Onion ne?! war seit kurzem Single und hing in den Armen von irgendeinem Typen. Mit ihr konnte ich heute Abend wohl nicht mehr rechnen. Also tanzte ich mit meinen neuen Freunden bis plötzlich Jesus hinter uns stand. „Guckt mal! Der sieht aus wie Jesus!“, rief ich meinen neuen Freunden zu. „Eigentlich sieht der eher aus wie Kurt Cobain!“, meinte eine daraufhin. „Du siehst aus wie Jesus. Aber die da meinen, dass du aussiehst wie Kurt Cobain!“, flüsterte ich dem Double daraufhin im breitesten australian English zu. „Andere sagen mir, dass ich aussehe wie Johnny Depp in jungen Jahren!“, antwortete er mir im breitesten keine Ahnung was Akzent. „Wieso sprichst du so komisch?“ „Der deutsche Akzent klingt so hart. So klingt das besser.“ Okay. Stimmt nicht.

 

Ich bestellte mir ein Bier (Fehler!), traf meine alten neuen Freunde wieder und sah Onion ne?! nun in den Armen eines anderen. Sah serious aus. Die wollte ich nicht stören.

Mein Tipp an alle Frauen, die sich beschweren, dass sie beim Feiern gehen nicht angesprochen werden: Geht alleine an die Bar. Mir ist es noch nie passiert, dass ich dabei nicht angesprochen werde. Also trank ich noch ein Bier (großer Fehler!) mit irgendwem und ging zurück zu meinen alten neuen Freunden. „Wo ist deine Freundin?“ Ich schaute einmal durch die Bar und sah wie sie wieder die Arme um wen anderen schlang. Okay! Mir war auch danach die Arme um wen zu schlingen und sah plötzlich Johnny Depp neben mir stehen. Ja, das würde gehen und nur wenig später fragte er mich in seinem seltsamen was-auch-immer-Akzent, ob wir nicht zu ihm gehen und was rauchen wollen.

Eigentlich kam er nicht aus dieser Stadt, hatte aber über das Wochenende eine große Wohnung in der Nähe meiner WG. Okay! Klang aufregend. Ich steckte Onion ne?! noch meinen Schlüssel zu und erzählte ihr, wo ich jetzt hingehen würde. Johnny Depp verabschiedete sich derweil von seinen Freunden, die mich böse anschauten und dann liefen wir los. „Ich muss Eier ausbrüten!“, rief ich als ich bemerkte, dass wir mindestens zehn Minuten zu Fuß laufen würden. Und das war richtig kompliziert, weil mein Handy auf Deutsch eingestellt ist und ich ja Australierin war. Aber das bemerkte Johnny Depp gar nicht. Der war damit beschäftigt mich nicht vor Autos oder Pfeiler laufen zu lassen, während ich Pokémon hinterher jagte.

 

Plötzlich blieb er in einem Hauseingang stehen. „Und jetzt?“ „Jetzt muss ich die Katze suchen“ „UUUH Ich will sie streicheln!“ Er lachte mich aus. „Die Katze hasst fremde Menschen. Die lässt sich nicht streicheln.“ Und dann rief er den Namen der Katze wie in der einen Folge How I Met Your Mother als Lily aus der Limousine heraus Marshall ruft. In New York. Während der Silvesternacht. Aber Marshall hörte Lily und kam angerannt. Die Katze auch. Und schmiegte sich direkt an mein Bein und ließ sich von mir streicheln. HA!

Zusammen mit der Katze betraten wir die fremde Wohnung, die wahrscheinlich seiner Mutter gehörte, denn überall standen Fotos von einem kleinen blonden Jungen herum, der wohl Johnny Depp sein musste. „Wer wohnt hier?“ „Meine Mutter. Ich soll auf die Katze aufpassen.“ Macht Sinn. Ich machte es mir auf dem Sofa bequem, während er einen Joint baute und nur wenig später zog ich mir meine Schuhe aus, weil ich ja sonst die Strumpfhose nicht ausziehen konnte. Und dann war mir schlecht (das Bier!) und ich wurde müde. „Du kannst hier schlafen. Aber ich habe nur ein kleines Bett!“ Kleines Bett klang grausam. Also zog ich mir meine Strumpfhose und Schuhe wieder an und schrieb unbemerkt meiner Mitbewohnerin (er durfte ja nicht sehen, dass sie mir auf Deutsch schrieb). „Wo steckst du?“ „Bei Johnny Depp. So 15min. von der WG. Bist du Zuhause?“ „Ja“ „Ich bin gleich da“ „Okay. Ich warte.“

 

15min. klangen lang. Und ich war so müde. Das würde ich bestimmt nicht überleben. „Ich bleibe doch bei Johnny Depp“ „Okay. Viel Vergnügen!“ Aber tatsächlich schliefen wir nur. In seinem winzigen Bett. Und mir war so schlecht (das Bier!), aber ich bin sehr geübt darin meinen Mageninhalt bei mir zu behalten und so musste ich mich nicht in einer fremden Wohnung übergeben (Horrorvorstellung Nr.4). Irgendwann wachte ich auf, befreite mich aus seiner Umklammerung und begab mich auf die Suche nach Wasser. Er hatte mir zwar eine Flasche Wasser gegeben, aber die war mit Kohlensäure und das kommt gar nicht gut, wenn da Bier und Rum im Magen sind.

 

Und dann checkte ich mein Handy. Wir hatten bis mittags geschlafen und nun war ich wieder einigermaßen nüchtern. Das heißt, dass ich keinen australischen Akzent mehr hatte! Oh Gott! Was nun? Ich fühlte mich wie Aschenputtel nach 0 Uhr. Ich beschloss zurück ins Bett zu gehen. Beim Schlafen muss man ja nicht reden. Und dann lag ich da und überlegte. Und schaute Johnny Depp an. Sein Bart war rot, weil ich roten Lippenstift trug.

Nach einer Stunde hatte ich keine Lust mehr auf liegen. Ich wollte jetzt nach Hause gehen. Außerdem blieb Onion ne?! nur bis mittags und sie hatte den Schlüssel. Also stand ich wieder auf, dabei wachte Johnny Depp auf und plapperte irgendwas auf Deutsch. Er hatte vielleicht vergessen, dass er gestern Nacht eine Australierin abgeschleppt hat, aber ich nicht! Ich nuschelte auf Englisch, dass ich jetzt gehen müsste und nach einer langen Abschiedsszene (knutschend, weil redend ging ja nicht), überredete er mich noch meine Nummer da zu lassen. Ich hoffte, dass er sich nie melden würde, denn ich gehöre zu den seltenen Exemplaren, die Englisch zwar gut sprechen und verstehen, dafür aber nicht (mehr) gut schreiben können (in der Schule war das immer anders herum). Und dann lief ich auf wackeligen Beinen und grinsend aus der Wohnung heraus. Das war witzig.

 

Es war Wahlsonntag und die Sonne schien, weswegen überdurchschnittlich viele Menschen auf den Straßen unterwegs waren. Nicht die besten Voraussetzungen für einen unbemerkten Walk of Shame!

WG-Castings

Momentan gibt es keine Dates. Es gibt nur WG-Castings. Zwei meiner Mitbewohner ziehen aus bzw. sind schon ausgezogen und weil die Hausverwaltung zickig ist, schicken wir Zusagen raus, nur um eine Woche später erneut das Gesuch auf wg-gesucht wieder einzustellen. Warum? „Wir warten auf die Schufa-Auskunft von Frau Schmitt. Aber Frau Müller kann das andere leere Zimmer bekommen.“ Frau Müller möchte das andere Zimmer aber nicht und sagt einer anderen WG zu. Frau Schmitt ist unzuverlässig, lässt uns drei Wochen warten, nur um am Ende zu erfahren, dass sie gar nicht aus ihrer aktuellen Wohnung raus kann (f*** dich!).

 

Wir geben die Unterlagen von Herrn Schumacher ab. „Ja also nee. Männliche Bewohner gehen gar nicht. Wo kommen wir denn dahin, dass wir gemischte WGs haben?!“ Ins nächste Jahrhundert vielleicht?!

 

Wir geben die Unterlagen von Frau Sommer ab. „Ja, Frau Sommer ist ok. Die akzeptieren wir. Aber sie muss einen Vertrag für zwei Jahre unterschreiben.“ Frau Sommer sagt ab. Frau Sommer sagt uns, dass die Hausverwaltung absolut unfähig und scheiße ist.

 

Ich gebe die Suche auf, setze mich morgens einfach nur noch zu den Terminen mit meinem Kaffee in die Küche, um mir die Bewerber anzugucken, die meine Mitbewohnerin organisiert hat. Die erste ist okay. Sie will Jura studieren, aber „mein Piercing muss drin bleiben und wenn ich irgendwann Perlenohrringe trage, dann müsst ihr mich schlagen!“ Die mag ich. Die darf hier wohnen.

Während des Gesprächs ruft die Zweite an. „Ich bin gerade in der Stadt. Darf ich jetzt schon kommen?“ Wir sind in Deutschland. Halt dich an Termine, man!

 

Apropos Termine. Am Vortag sitze ich mit einer anderen Bewerberin in der Küche als es plötzlich an der Tür klopft. Ich schreie „JA?“ in der Erwartung, dass gleich Frau Hausverwaltung die Tür aufschließt und uns mit neuen Bewerbern überrascht. Aber es schließt keiner auf. Also stehe ich auf, öffne die Tür und vor mir steht Lisa und strahlt mich an. „Hallo, ich wollte nur mal hallo sagen, damit ihr ein Gesicht zu meinem Namen habt!“ „Oookay…wieso?“ „Ja, ich war gerade beim Einschreiben und hab bei wg-gesucht eure WG gefunden und dachte, dass ich mal hallo sage“ „Oookay…und jetzt?” „Ja, ich wollte nur mal hallo sagen! Damit ihr ein Gesicht zu dem Namen habt!“ Ihren Namen kannte ich nicht. Sie hat sich nicht mal vorgestellt. „Und wem von uns hast du geschrieben?“ „Keinem! Aber ich dachte ich sag vorher schon mal hallo. Damit ihr ein Gesicht zu dem Namen habt!“ Was ist falsch mit dir?! „Frau Hausverwaltung hat gesagt, dass hier drei Zimmer frei sind.“ „Eigentlich nur noch eins … hast du mit ihr telefoniert? Ist sie mit dir gekommen?“ „Nein. Aber die hat die Anzeige eingestellt. Und dann dachte ich, dass ich mal vorbei komme, um hallo zu sagen, damit ihr ein Gesicht zu dem Namen habt.“ Halt die Fresse.

Nach zehn verwirrenden Minuten hat sich Lisa dann endlich verabschiedet. Keine Ahnung, wie sie in das Haus gekommen ist. Wahrscheinlich hat sie vor der Haustür gelungert bis jemand rein- oder raus gekommen ist.

Liebe WG-Suchende: So macht man das nicht!

 

Die nicht-Jura-Tussi verschwindet zu ihrer nächsten Besichtigung und meine Mitbewohnerin teilt der zweiten mit, dass sie jetzt kommen kann. Ich mache mir meinen zweiten Kaffee und kann aus der Küche heraus hören, dass an der Tür mehrere Leute begrüßt werden. Und als sie die Küche betreten und ich das Übel sehe, verändert sich meine Miene von freundlich und offen in desinteressiert und „geht sofort wieder weg!“, denn Madame kommt mit Mutter und Schwester.

Warum?? Warum verbaust du dir jede Chance auf dein Traum WG-Zimmer?! Meine Mitbewohnerin wirft mir einen vielsagenden Blick zu und ich erkenne die Angst in ihren Augen vor dem, was gleich passieren wird. Sie führt die drei Gäste durch die WG und ich höre wie Frau Mutter Fragen stellt und der Rest stumm bleibt. Nach fünf Minuten sind sie fertig und kommen in die Küche. Die Mutter übernimmt weiterhin das Reden und fragt nach den Parkmöglichkeiten. „Madame würde dann nämlich ein Auto von uns bekommen und dann wäre das ja blöd, wenn sie hier keinen Parkplatz findet.“ Madame sitzt stumm daneben. Ich auch. Ich habe keine Fragen an sie. Madame wurde bereits von meiner potentiellen Mitbewohner-Liste gestrichen, als sie mit ihrer Mutter (und Schwester) durch die Haustür spaziert ist.

 

Warum? Ja, warum kommt man alleine zu einem WG-Casting und nicht mit seiner Mutter/Schwester/Vater/Oma/Opa/Tante/Onkel…

Punkt 1: Es ist ein WG-Casting. Keine Wohnungsbesichtigung. Dahin kann man mit seinen Eltern gehen, wenn man gerade frisch von Zuhause auszieht. Das kommt sogar gut an. Da sehen die Vermieter, wer demnächst die Miete bezahlen wird. Aber wir sind nicht die Vermieter. Wir sind die Mitbewohner. Uns ist egal, wer die Miete bezahlen wird. Wir haben keine Mehrkosten dadurch, wenn irgendjemand im Mietrückstand ist. Jede bezahlt ihr Zimmer. Was uns aber nicht egal ist, ist, wer da mit uns zusammen in der Wohnung wohnt.

Daher Punkt 2: Ich will kein unselbstständiges Mama-Kind, das bei jeder Entscheidung erstmal ihre Mami fragen muss und bei Streit erstmal petzen geht. Jeder meiner bisherigen Mitbewohner hat es geschafft alleine zu einem WG-Casting zu gehen. Die nächsten sollten das also auch hinbekommen.

Aber Mami und Papi bezahlen das Zimmer und würden vorher gerne wissen, für was sie da Geld ausgeben?

Dann schau dir die WG vorher trotzdem alleine an und wenn du die Zusage hast, kannst du immer noch die Eltern antanzen lassen, bevor der Vertrag unterschrieben wird.

Die Anreise ist weit und alleine nicht machbar?

Ich war damals auch nicht alleine, aber meine Eltern haben draußen gewartet und zur Not gibt es sicherlich auch ein Café, wo sie sich reinsetzen können. Die sind schon erwachsen. Die schaffen das. Und wenn sie dann doch noch unbedingt mitkommen und das Zimmer sehen wollen, dann kündigt man das vorher an. Dann kann die WG immer noch schreiben, dass das kein Problem ist oder direkt absagen oder (wie wir das gemacht hätten) antworten, dass wir die Person schon gerne alleine kennen lernen wollen und die damit rechnen sollen, dass Mutter/Vater/Oma/Freund/Bruder/beste Freundin/Wasauchimmer (Hund wäre okay) für eine halbe Stunde auf sich alleine gestellt ist.

Das führt mich auch zu Punkt 3: Gehemmte Stimmung durch ein anwesendes Elternteil. Bei uns laufen die guten WG-Castings eigentlich immer gleich ab. Man stellt sich vor, erzählt über das WG-Leben und die Bewerberin bekommt ein gutes Bild davon, mit wem sie zusammen wohnen würde. Die Bewerberin erzählt gleichzeitig von sich und ihren bisherigen WG-Erfahrungen (oder eben nicht, wenn es die nicht gibt) und irgendwann entwickelt sich ein eigenständiges Gespräch daraus. Am Ende erzählt jeder seine krassesten Alkohol-/Party-/Sex-Geschichten, weil die Stimmung so gut ist. Und dazu kommt es erfahrungsgemäß nicht, wenn Frau Mutter daneben sitzt und wissen will, ob ihr Töchterchen auch garantiert einen Parkplatz findet.

 

Und außerdem: Eine WG in guter Lage kurz vor Semesterbeginn hat 50 Anfragen. Davon wird vielleicht die Hälfte eingeladen. Und dann muss die WG entscheiden, wen sie nimmt. Überlegt selbst: Nehme ich die, mit der man ein ausgelassenes Gespräch über zwei Stunden geführt hat oder die, die mit Mama und Papa da war und nach zehn Minuten wieder gehen musste, weil Papa jetzt alle Fragen gestellt hat und gerne etwas essen gehen würde? Genau.

 

 

Madame war nach zehn Minuten also wieder weg und meine Mitbewohnerin schaut mich vorwurfsvoll an. „Kannst du dir nicht wenigstens ein bisschen Mühe geben?!“ Nö. Hat Madame ja auch nicht gemacht. Die wollte nicht mal wissen, was ich studiere oder wer in das andere Zimmer kommt. Sie hat sich mit den Worten „ja, dann gucken wir uns noch die anderen WGs an und dann schauen wir mal, was mir am besten gefällt und ich nehmen würde“ verabschiedet. Dabei hat sie weder mich noch meine Mitbewohnerin angeguckt, sondern ihre Mutter. Ich wollte „neeeein! Geh allein zu den restlichen WG-Castings!“ schreien, aber dafür war sie mir zu unsympathisch. Sie war nämlich so ein perlenohrringtragendes Jura-Mädchen.

 

 

Danach kam Anna. Anna fängt mit ihrem Master an und machte einen netten Eindruck. Bzw. sie hinterließ eigentlich gar keinen Eindruck. „Und? Was sagst du zu ihr?“, fragte mich meine Mitbewohnerin. „Weiß ich nicht.“ Weiß ich wirklich nicht. Manche Leute trifft man und hat man im nächsten Augenblick wieder vergessen. Das einzige, an was ich mich erinnern kann, was sie gesagt hat, war, dass sie in ihrer letzten WG ein kleines Kind hatte. Das ist mein größter Alptraum. Daher weiß ich das noch. Aber sie fand das sehr schön. Gut für sie. Gut für das Kind. Gut für die Mutter. Macht bestimmt nicht jede WG mit.

 

 

Dieser Post klingt aggressiver als sonst? Ja, weil WG-Castings nerven. Ich habe keine Lust mehr. Und morgen stehen die nächsten drei an und nächste Woche noch mal, weil meine Mitbewohnerin Angst hat, dass wieder jemand kurz vorher abspringt und drei sichere Kandidaten will.

 

 

Ich gehe jetzt Pokémon Go spielen und haue das Arschgesicht von Team blau aus jeder Arena raus. Und alle anderen auch. Ich bin scheinbar so aktiv, dass mich jeder Pokémon Go Spieler aus den umliegenden Stadtteilen kennt. „Wer ist eigentlich twentysomething?“ wird vor jedem Raid in die Gruppe gefragt. Entweder melde ich mich von alleine oder irgendwer ruft „die! Die da schmeißt uns immer aus Arenen raus!“ Es sind nur noch wenige Punkte bis Level 38. Da müssen die jetzt durch.

Kann ich nicht mal in Ruhe … ?!

Es ist Montagmittag. Ich war zu Besuch bei einer Freundin und schleppe jetzt viel zu viel Gepäck wieder nach Hause. Schwitzend hetze ich zum IC, schwitze weiter, weil die Klimaanlage ausgefallen ist und hieve meinen mintfarbenen Ananaseinkaufsbeutel auf den Sitz. Darin befinden sich zwei Paar neue Schuhe. Das dritte Paar liegt im Koffer. An meinen Füßen trage ich meine klobigen Vagabonds, weil die mehr Platz im Koffer weggenommen hätten als meine neuen mit Blumen bestickten Samtstiefeletten. Irgendwann kommt der IC in Dortmund an und von dort aus muss ich mit den Regionalzügen weiterfahren. „Bin kurz vor Bochum. Könnte da auch einfach aussteigen und Kangama jagen gehen. Aber ich hab so viel Gepäck!“, schreibe ich einer Freundin. „Ja, mit Gepäck ist scheiße. Aber Kangama…“ Ja, aber Kangama. Gerade kann man das nämlich in einigen Städten Europas fangen. Bochum gehört dazu. In Bochum würde ich eh halten. Aber nicht umsteigen. Aber der Zug hält da. Ich lasse das Schicksal bestimmen und steige in Dortmund in den nächsten Zug nach Bochum. „Wenn ich keinen Platz bekomme, steige ich in Bochum aus!“, denke ich mir noch. Der Zug hält also, ich steige ein und befinde mich direkt am Eingang von der 1. Klasse. Alle bleiben in den Gängen stehen, die ersten setzen sich auf die Treppen. Ich bekomme also keinen Platz. Also steige ich an der nächsten Haltestelle wieder aus.

 

In Bochum ist es noch wärmer. Ich ziehe meine Jeansjacke aus und bin froh, dass ich heute Morgen auf eine Strumpfhose verzichtet habe. Meinen Einkaufsbeutel befestige ich an meinem Trolley, den Rucksack nehme ich auf den Rücken, das Handy habe ich in der Hand. Ich rufe die gomap auf und lasse mir das erste Kangama anzeigen. 5 Minuten vom Bahnhof aus entfernt. Das ist okay. Das kann ich laufen. Ich gehe los und sehe direkt vor mir 20 Leute, die intensiv auf ihre Handys tippen. Ah okay. Sie machen einen Lavados Raid. Das habe ich schon. Sogar ein sehr gutes und besser als 98% wird es bestimmt nicht mehr. Also gehe ich weiter und jage das Pokémon in Form eines Kängurus, was es sonst nur in Australien zu fangen gibt. Ich komme an und kann es dank goldener Himbeere und Hyperball (ich wollte sichergehen) nach einem Wurf fangen. Woohoo!

 

Wieder rufe ich die Map auf und lasse mir das nächste Icognito anzeigen. Die gibt es hier nämlich auch. In meiner Stadt taucht mal eins alle paar Monate auf. Aber heute fang ich mir eins. 15 Minuten zu Fuß sagt mir mein Handy. Das ist schon etwas weiter, aber das ist okay. Für ein Icognito geht das. Ich stakse also weiter durch die Innenstadt mit meinem Trolley hinter mir. Die Leute denken wahrscheinlich, dass ich auf der Suche nach einem Hotel bin.

Irgendwann bin ich aus der Innenstadt raus und laufe durch ein Wohngebiet. Ich muss eine kleine Anhöhe hoch und bemerke oben, dass ich falsch bin. Plötzlich sagt mir google Maps, dass ich statt 3min. noch 5min. brauche. Toll. Ich laufe auf die andere Straßenseite und bekomme aus dem Augenwinkel mit, dass mich ein Mann anschaut. Auf der anderen Seite angekommen, bleibe ich stehe, um mir von meinem Handy sagen zu lassen, ob ich nach links oder rechts laufen sollen. Plötzlich steht der Mann neben mir. Er spricht Englisch und fragt mich, ob er mir helfen kann. Nein, ich komme klar. Danke. Ob ich irgendwas suche? Ja, ein Icognito. Aber das sage ich ihm nicht. Dabei kann er mir nicht helfen. Der Mann, der mir gegenüber steht, ist um die 35, vielleicht etwas älter und kommt seinem Akzent nach aus Osteuropa. Google Maps verrät mir inzwischen, dass ich nach rechts muss und ich setze mich langsam wieder in Bewegung. „Kann ich dich auf einen Drink heute Abend einladen?“, fragt der Mann. Nein, danke, sage ich. Er gefällt mir nicht und außerdem wohne ich hier eh nicht. „Or maybe some fun? You’re looking for some fun tonight?“ Ähm nein, ganz sicher nicht und ich ziehe meinen Trolley nun schneller hinter mir her, während er mir noch ein „wooow“ hinterher ruft. Okay.

 

Ich fange das Icognito nach drei Würfen und mache mich ohne Zwischenfälle auf den Weg nach Hause. Mit meiner Mitbewohnerin schaue ich mir eine mögliche Nachmieterin an und anschließend gucken wir Heath Ledger dabei zu, wie er für Julia Stiles auf der Schultribüne singt.

Gegen 23 Uhr fällt mir auf, dass ich noch einkaufen gehen muss, weswegen ich mich auf dem Weg zu Rewe mache. Auf dem Hinweg nehme ich eine Arena ein, kaufe Eier, Milch und Quark und treffe auf dem Rückweg ein Mädchen, das meine Arena gerade wieder blau färbt. Pf. Ich laufe zur anderen Arena, aus der sie mich ebenfalls geschmissen hat und bleibe mit meinem Einkaufsbeutel auf der Schulter im Dunkeln stehen, um ihr Tornupto zu besiegen. Ich höre wie Leute sich von hinten nähern und stelle mich an den Rand vom Gehweg. „Entschuldigung? Ich bin zu Besuch in der Stadt und würde gerne etwas trinken gehen. Weißt du, wo hier noch etwas offen hat?“ „Hier hat um die Uhrzeit unter der Woche leider gar nichts mehr auf. Wenn dann müsstet ihr in die Innenstadt gehen. Hier ist nichts mehr.“ „Kommst du nicht von hier?“ „Doch“ „Und dann weißt du nicht, ob hier noch was auf hat?“ Es gibt Leute, die man von Anfang an unsympathisch findet und so einer stand mir gerade gegenüber. Ich will doch einfach nur Pokémon spielen. Mehr nicht. „Habe ich doch gerade gesagt. Hier hat nichts mehr auf.“ „Nichts mehr hier in der Nähe? Wir wollen gerne was trinken gehen.“ Ich zeige auf die einzige Bar, die sich hier in der Nähe befindet, die aber bestimmt auch schon zu hat. „Da vorne. Wenn ihr Glück habt.“ „Und da können wir noch was trinken? Ist das gut da?“ „Keine Ahnung. Ich war da noch nie.“ „Also bist du nicht von hier?“ … geh doch einfach nur weg. „Geht einfach gucken.“ „Okay. Willst du da auch hingehen?“ Ja. Ich gehe immer mit 2 Liter Milch und 6 Eiern auf der Schulter in Bars. „Nein, ich gehe jetzt nach Hause.“ Und dann war zum Glück das Tornupto besiegt, ich setzte mein übermächtiges Heiteira rein und konnte noch beobachten, wie die blaue Trainerin 3mal dagegen verlor und irgendwann aufgab. Keiner legt sich mit meinem Heititei an!

 

Was ich eigentlich sagen wollte: Kann ich nicht mal in Ruhe Pokémon spielen?

Die Legendären sind endlich da!

„Wo bleibt ihr? Wir wollen anfangen“ lese ich in der WhatsApp-Vorschau. „Große Straße an der Ampel. 2 Minuten. Wartet auf mich!“, schreibe ich und hetze an einem Dienstagnachmittag bei strömenden Regen in den nächsten Stadtteil. Meine neuen schneeweißen Supergas sind nicht mehr so schneeweiß, weil ich über den matschigen Kiesweg der Allee gelaufen bin, um noch ein paar Machollos zu fangen. Machollo? Ja, dies ist ein Pokémon Go Post. Ihr habt euch das gewünscht. Und aktuell ist Pokémon Go wieder wahnsinnig aufregend, denn die legendären Pokémon sind endlich da.

Und deswegen hetze ich durch den Regen zu einem Denkmal. Schon von weitem kann ich die Gruppe, bestehend aus zehn Leuten, unter einem Hauseingang stehen sehen. Alle schauen mich erwartungsvoll an, als ich mit dem Handy in der Hand zu ihnen stoße. Erwartungsvoll und teilweise überrascht, denn ich bin mal wieder das einzige Mädchen. Und dann auch noch ein kleidtragendes Mädchen. Richtig heftig.
„Kann es losgehen?“ „Ja“ Wir lösen unsere Pässe ein, wählen Pokémon aus und warten auf den Kampfbeginn. Heute versuchen wir Arktos zu fangen. Und das klappt nur in der Gruppe. In einem so genannten Raid Kampf. Die tauchen am Tag in der ganzen Stadt auf und dann hat man zwei Stunden Zeit mindestens 6 starke oder 10 weniger starke Pokémon Go Spieler zu einem Standort zu trommeln. Dafür wurden innerhalb weniger Stunden mehrere WhatsApp-Gruppen gegründet, damit sich die Spieler der jeweiligen Stadtteile absprechen können. Manchmal klappt das auch ohne Absprache. Bei meinem ersten Raid-Kampf bin ich auf gut Glück einfach hingelaufen und habe todesmutig die Gruppe am bunten Stromkasten angesprochen. „Macht ihr den Lugia Raid?“ „Ja“ Puh. Hätten auch Drogendealer sein können. Denn vor Pokémon Go war das der Treffpunkt für viele Drogendeals. Kein Wunder, dass die Polizei auf uns aufmerksam wurde. War aber auch etwas verdächtig, als wir dort mit 30 Leuten standen.

 

Taktisch klug haben wir nun also sechs Pokémon ausgewählt und tippen ca. zwei Minuten lang auf unsere Handys. „Das war easy“, sagt einer als wir das Arktos besiegt haben. Jetzt folgt die Bonus-Herausforderung: Arktos fangen. Weil ich fast die einzige aus Team rot bin (meine Gang ist arbeiten. Ich stehe hier nur mit Schülern und Studenten), stehen mir nicht so viele Bälle zur Verfügung. Die werden nämlich danach verteilt, wie viel Schaden man selbst und das Team angerichtet haben. Da ich aber die mit dem höchsten Level (ha!) bin, bekomme ich trotzdem noch einen Extraball. Leider reicht das trotzdem nicht, denn die Fangrate ist extrem niedrig und so flüchtet das Arktos.

 

Nach und nach kommen immer mehr Spieler zu uns und ärgern sich, dass wir bereits angefangen haben. Endlich auch ein weiteres Mädchen. Sie steht direkt neben mir, ich schaue sie an und begrüße sie. Wir kennen uns bereits, da sie beim ersten Raid-Kampf beschlossen hatte, dass sie lieber mich statt die großen Metaller neben ihr anspricht. Überhaupt kennt man die Leute inzwischen, die man so bei Raid-Kämpfen trifft.

 

Langsam löst sich die Gruppe auf. Ein paar hatten Glück. Ein paar nicht. Und weitere versuchen ihr Glück jetzt. Ich kann es nicht noch mal versuchen, denn wenn das Pokémon einmal geflohen ist, dann hat man keinen weiteren Versuch. Also ziehe ich weiter durch den Regen und werde von einer kleinen Gruppe angesprochen. „Entschuldigung, wo geht es Richtung Innenstadt?“ Seitdem ich Pokémon spiele, werde ich überdurchschnittlich oft nach dem Weg gefragt. Wahrscheinlich weil ich so viel draußen bin. Und seitdem ich Pokémon spiele, kann ich auch immer weiterhelfen, denn ich habe jetzt eine super Orientierung und kenne mich bestens in meiner Stadt aus. Ich zeige ihnen also den Weg und flüchte mich anschließend unter einen Baum. Es regnet jetzt wieder stärker und meine Füße schwimmen schon fast in meinen Schuhen. Ich schaue auf mein nasses Display und sehe, dass nur 50m weiter der nächste Arktos-Raid stattfindet. Ich laufe hin und bin froh, dass ich mich unterstellen kann. Zwei Personen von eben stehen dort und warten bereits, dass es weitergeht. Ich schreibe in die Gruppe, die nächsten kündigen sich an und wir warten. Darauf, dass der Regen aufhört und darauf, dass sich genügend Leute finden.

 

Es kommen immer mehr. Inzwischen auch alle Nachzügler vom letzten Kampf, die nicht antreten konnten, weil sie nicht genügend Leute waren. Der nächste stößt zu unserer Gruppe hinzu. Wir kennen uns. Er ist auch in der Gang, kam aber erst später dazu und weiß nicht, dass ich die Anführerin bin. Daher spricht er mich nicht mit Meisterin an. Aufgeregt erzählt er von seinen letzten Abenteuern. Schon vier Lugias hat er gefangen. Dann lenkt ihn irgendwas ab. Oh. Mein Kleid ist verrutscht. Meine Brüste lenken ihn ab. Ok. Der Letzte ist endlich da und wir können nach einer halben Stunde warten anfangen. Da wir dieses mal endlich mehr Rote sind, habe ich auch mehr Bälle zur Verfügung. Aber Arktos flüchtet erneut. Verdammt!

 

Wir verabschieden uns und gehen getrennte Wege. Bis das nächste Arktos oder Lugia auftaucht und uns an einem Ort zusammenführt.

Ja! Pokémon Go ist super. Ich liebe es und breche jetzt gleich mit meinem Rucksack und anderen Schuhen auf, um das Arktos in meiner Nähe zu fangen.

Alles hat ein Ende, nur das mit Spackenstefan nicht …

Freitagabend. Ich hatte ein paar Mojitos vernichtet und versuchte meine Freunde noch dazu zu überreden zur Eröffnung einer neuen/alten Bar zu gehen. Die hatte vor ein paar Monaten geschlossen und wurde jetzt an neuer Stelle wieder eröffnet. Früher war das mal meine Lieblingsbar. Aber diese Liebe teilten nicht viele meiner Freunde, weswegen alle lieber nach Hause gingen als dorthin. Solche Spießer. Im Laufe des Abends schaute ich auf mein Handy. „Hey, wie geht’s dir? Was geht so? Bin in der Stadt und musste an dich denken!“ Spackenstefan. Wer sonst? Ich hatte ja prophezeit, dass er irgendwann wieder angekrochen kommt und das war wohl heute. Ich hatte ihn direkt nach dem Chat ins Archiv verschoben und dann nicht weiter darüber nachgedacht. Auch nicht darüber seine Nummer zu löschen oder zu blockieren. Was im Archiv war, war einfach weg.

 

Ich antwortete zunächst nicht, weil ich aber betrunken und noch aktiv war, antwortete ich irgendwann natürlich doch. Wenn auch nicht sehr begeistert. „Alles gut und bei dir“ Er war nicht mal die Mühe wert ein Fragezeichen zu setzen. „Auch. Was geht heute noch so?“ „Neueröffnung von Bar XY“ „Ist das gut?“ „Früher war das immer gut“ „Wenn du das empfehlen kannst, muss das ja richtig gut sein.“ Natürlich. Ich dachte, dass er einfach nur eine Feierempfehlung wollte, aber nein. Denn wenig später kam: „Ich überlege, was ich jetzt machen soll. Mit den anderen nach Hause fahren oder mit dir noch feiern gehen.“ „Ich gehe gerade nach Hause.“ „Wieso? Willst du nicht mehr in die Bar xy?“ „Die anderen wollen alle nicht und allein will ich nicht.“ „Wir können uns da ja treffen.“ Das hatte ich tatsächlich nicht erwartet. Ich dachte, dass er mit seinen Freunden hingehen will und man sich höchstens zufällig dort getroffen hätte. Konnte ich mit Spackenstefan dahin gehen? Wollte ich das?

 

Ich war noch geschminkt, betrunken und hatte mich noch nicht umgezogen. Und ich wollte noch raus. Und nachdem sich auch meine Mitbewohnerin nicht mehr überreden ließ, hielt ich das für eine gute Idee. Wie gesagt. Ich war betrunken und meine Alternative wäre betunken ein paar Folgen Pokémon zu gucken. Ehrlich gesagt, war ich auch ziemlich wuschig. Weil bestimmte Zeit während des Zyklus und so. „Wo bist du denn gerade?“, fragte ich ihn. „Im Süden der Stadt. Die anderen würden mich dann am Bahnhof rauslassen.“ „Und wann?“ „Dauert nicht mehr lang. So in einer halben bis dreiviertel Stunde. Ich sag dir dann noch mal Bescheid.“ Ich mischte mir noch was zu trinken, schaute zwei Folgen Pokémon und schrieb mit einer Freundin. „Was wettest du, dass er es wieder nicht schafft hier aufzutauchen?“, fragte ich sie. „Hahahaha ja. Bestimmt kommt wieder eine komische Ausrede.“ Es lief inzwischen die dritte Folge und er hatte sich nicht gemeldet. Ich legte gerade mein Handy weg, um mir meinen Pyjama anzuziehen und dann leuchtete es. Eine SMS. Von Spackenstefan. „Die haben mich jetzt im Westen rausgelassen. Ich nehme dann die Bahn und bin um 20 nach 2 am Bahnhof.“ Das war in 20 Minuten. Das war eine komische Route. Wie kommen die denn plötzlich dahin? Und er und Bahn fahren? Ob da nicht gleich wieder eine Nachricht kommen wird, in der er plötzlich wieder aus der Bahn geschmissen wird? „Und wo bist du dann?“ „Am Bahnhof“ „Ich meine, wo kommst du an? Bzw. wo treffen wir uns?“ „Da wo wir uns zum ersten Mal gesehen haben. Oder ich kann auch zu dir kommen und dich abholen. Wie du magst.“ „Dann komm her“

 

Ich wartete also und schaute mir die Bahnverbindungen an. Eine Bahn, die um 20 nach am Bahnhof war, gab es gar nicht. Aber um 25 nach. Vielleicht meinte er ja die. Vom Bahnhof aus braucht man ca. 7-9 Minuten zu mir. „Jetzt müsste er in der Bahn sitzen. Aber es kam noch keine SMS, dass er beim schwarz fahren erwischt wurde“, schrieb ich der gleichen Freundin. „Vielleicht kommt gleich, dass er überfahren wurde“, antwortete sie. „Jetzt müsste die Bahn angekommen sein.“ „Gleich kommt, dass er überfallen wurde.“ „Hmm…jetzt müsste er eigentlich hier sein. Aber nichts.“ „Vielleicht steht er vor der Tür und sein Akku ist leer.“ „Die Klingel geht nicht. Er wird für immer draußen stehen bleiben.“ „haha och der Arme…“ Ich schrieb ihm gerade eine SMS und wollte wissen, wo er denn jetzt ist, da klingelte mein Handy. Spackenstefan rief an. Und legte direkt wieder auf. Wahrscheinlich entdeckte er in dem Moment die SMS. Ich lief zur Tür und ja. Wer hätte das gedacht?! Spackenstefan stand vor der Tür. Vor Schreck lief ich gegen meinen Regenschirm, den ich zum Trocknen in den Flur gestellt hatte, ließ ihn rein und lief ganz schnell wieder zurück in mein Zimmer. Ohohoho. Damit hatte ich jetzt echt nicht gerechnet. „Willst du was trinken?“ „Das, was du trinkst.“ „Okay!“ Ich wollte in die Küche laufen, aber er hielt mich fest. „Warte“ Mit einer Armlänge Abstand betrachtete er mich von oben bis unten. Ich hatte ein schwarzes Kleid aus Lochspitze an, das ab der Taille aus mehreren Lagen bestand, damit es da nicht durchsichtig war. Und weil es kalt war, trug ich schwarze Strumpfhosen dazu. „Du siehst sexy aus“ „Danke“ Und dann küsste er mich, aber ich stieß ihn kurze Zeit später weg. „Jetzt hast du meinen Lippenstift zerstört. Sollen wir gleich direkt los?“ „Wenn du willst, dann können wir noch raus.“ Natürlich wollte ich noch raus. Das war doch der Plan. Ich stellte ihm Wodka, Kirschsirup und ein Glas in die Küche und verschwand ins Bad. Schließlich hatte ich eine Freundin, die erst dann schlafen konnte, wenn sie wusste, ob Spackenstefan es geschafft hatte oder nicht.

 

Ich kam wieder und musste mich für Schuhe entscheiden. Ich wählte meine Lieblingsvagabonds (die schwarzen Dioons zum Schnüren aus Glattleder. Für alle, die es interessiert) und war damit fast so groß wie er. „Jetzt bist du ja viel größer. Aber das passt immer noch oder?“ Er legte seinen Arm um meine Hüfte und küsste mich. „Ja, das passt noch.“ Er wollte direkt weitermachen, stattdessen rief ich „hast du ausgetrunken? Können wir gehen?“ und schnappte mir meine Jacke. Wir liefen durch die dunkle Stadt, die um 3 Uhr nachts an einem Freitag wie ausgestorben wirkt. „Bis du sicher, dass da noch was los ist?“ „Klar. Da war früher schon immer erst um 2 Uhr was los. Heute gehen da alle hin!“ Und natürlich behielt ich Recht. Vor der Bar hatte sich eine lange Schlange bebildet. „Hier willst du dich anstellen?“ „Ja“ Und dann reihte ich mich ein. Und er musste sich dazu stellen. Sofort stellten sich welche direkt hinter uns an und verschwanden nach zwei Minuten wieder. „Sollen wir wirklich hier warten?“, fragte er noch mal. „Ja, das geht bestimmt voll schnell“, log ich. Dass die vor uns bereits seit 15min. warteten und dabei gerade mal 30cm vorangekommen waren, verschwieg ich. „Meinst du es bringt was, wenn wir uns wild knutschend nach vorne drängeln?“, fragte er. „Nein.“ Weil wir also weder knutschend noch Händchen haltend in der Schlange standen, sahen wir nicht nach Pärchen aus, weswegen der Typ hinter mir mich anquatschte. Ich antwortete und nur wenig später hatte Spackenstefan seinen Arm um mich gelegt. Soso. Es dauerte dann auch nur noch eine halbe Stunde bis wir endlich reingelassen wurden.

 

Es war extrem voll und ich kam aus dem Staunen nicht mehr heraus, da es genau so aussah wie damals. Die hatten die Bar komplett so gelassen wie früher, nur verkehrt herum (Theke auf der linken statt rechten Seite). Kein Wunder, dass der Umbau so lange dauerte. Es hatte wirklich nichts mehr mit der alten Bar zu tun, die da vorher drin war. „Es wäre schlau zuerst an die Bar zu gehen, bevor wir uns durchquetschen“, rief er und besorgte uns zwei Bier. Ich schaute mich um und entdeckte viele alte Gesichter von damals. Beruhigend, dass es die immer noch gab. Schon damals war die Bar einer der Orte in der Stadt, an dem der Männeranteil mindestens vier mal so hoch war wie der Frauenanteil, weswegen ich von allen Seiten angequatscht wurde als wir uns durch die Menge schoben. Er war immer direkt hinter mir und sofort hatte ich seine Hand an der Schulter, Rücken oder Taille als mich jemand ansprechend wollte. Wir landeten irgendwann auf der Tanzfläche, sangen „New York, New York“ mit und knutschten bis plötzlich jemand neben mir anfing zu rauchen. In diesem Bundesland herrscht überall Rauchverbot. Das macht man nicht und ich hatte Angst um mein Kleid, weil der Typ ziemlich schwankte und wollte woanders hin. Aber es war überall voll, heiß, stickig und eng, weswegen ich beschloss, dass wir nach fünfzehn Minuten wieder gehen könnten.

 

Also liefen wir wieder raus. „Und jetzt? Gehen wir noch was trinken?“, wollte er wissen. „Jetzt müssen wir Pizza holen!“ Ich steuerte auf meine Lieblingssuffpizzeria zu und zaghaft griff er nach meiner Hand, die er erst wieder losließ, als wir die Pizzeria erreichten. „Trinken wir noch ein Bier dazu?“ „Nein, ich will Cola.“ „Du kannst doch keine Cola trinken“, protestierte er und besorgte uns Bier, was ich aber wieder heimlich gegen Cola tauschte als er seine Pizza bestellte. Er wollte alles bezahlen, war aber nicht schnell genug und so teilten wir die Rechtung letzten Endes. Beide Pizzen wurden noch in Knoblauchöl ertränkt, bevor wir die kostbare Ware dann zu mir nach Hause brachten. Seine Pizza war weg bevor wir überhaupt in meine Straße bogen, aber ich musste ja auch noch meine Cola tragen, weil meine Handtasche zu klein war und setzte mich auf die Stufen vor dem Haus, während er sein Bier trank und rauchte. Meine Mitbewohnerin meckert immer mit mir, weil wir immer ewig anstehen müssen, weil die Pizzeria nachts immer total überfüllt ist, ich dann aber nur zwei Stücke meiner Pizza schaffe. „Und dafür haben wir eine halbe Stunde gewartet? Für zwei Stücke?“ „Ja, die lasse ich neben dem Bett liegen und dann freue ich mich morgen darüber!“ Das ist ein genialer Plan und den verfolgte ich in dieser Nacht auch. „Ich kann nicht mehr!“, kündigte ich also an und wir liefen rein in mein Zimmer.

 

Ich blieb neben der Tür stehen, weil ich da mein Abschminkzeug stehen habe und er sah mich fragend an. „Ich muss mich abschminken.“ Und dann kam er näher. „Musst du dich auch noch abschminken?“ „Ja“ Er stand vor mir, ich drückte ihm ein Wattepad in die Hand, aber plötzlich musste er das doch nicht mehr. Tz. Ich verschwand danach schnell im Bad, um mich frisch zu machen und die Zähne zu putzen, kam wieder und entdeckte ihn vor meinem Regal. „Hast du ein Ladekabel?“ Ich versorgte sein Handy mit Strom und dann knutschten wir. Im Stehen. Bis ich nicht mehr stehen konnte und uns zum Bett schob. Wir hatten drei Stunden lang Sex. Ich hatte zwischendurch Eis (er hat nein zu Eis gesagt. Wie kann man nur?) und es war hell als wir erschöpft nebeneinander lagen. „Und jetzt?“, fragte er. Wie und jetzt? Was sollte jetzt noch passieren? „Jetzt schlafen wir.“ „Aber wir können doch jetzt noch nicht schlafen.“ Er war wie ein Kind. „Doch.“ „Aber ich will noch nicht schlafen, wenn du neben mir liegst.“ „Was willst du dann?“ „Das, was du willst.“ „Ich will schlafen.“ „Okay.“ Und dann fing er direkt an zu schnarchen. „Schläfst du jetzt?“ „Nein“ „Machst du das Licht aus?“ „Schlafen wir jetzt?“ „Ja“ „Okay“ „Machst du dann das Licht aus?“ „Ja“ Schnarch. „Schläfst du jetzt?“ „Nein“ „Machst du das Licht aus?“ „Ja“ Aber keine Reaktion. Wahrscheinlich tot oder so. Nicht mal, als ich an seinem Bart zog. Ich hätte ihn mit Edding vollkritzeln sollen. Stattdessen kletterte ich auf ihn, um an den Lichtschalter zu kommen. „Hier kannst du sitzen bleiben.“ Wohl doch nicht tot. Aber ich. Weswegen ich irgendwann einschlief und von Einhörnern träumte.

 

Drei Stunden später war ich wach, weil ich nie länger als 10.30 Uhr schlafen kann. Und es war inzwischen 10.30 Uhr. Ich checkte meine Nachrichten am Handy bis plötzlich seine Hand vor meinem Display auftauchte und mir winkte. Ich leuchtete ihn an und dann zog er mich zu sich. „Ich finde, wir müssen jetzt guten Morgen Sex haben.“ „Wieso?“ Er nahm meine Hand und zeigte mir, wieso. Ja, fühlte sich dringend an. Zwei Stunden und der beste Sex seit langem später konnte ich nicht mehr klar denken, weil mein Magen so knurrte. „Hunger“ „Ja“ „Willst du was essen?“ „Nein“ Wie kann man nein zu essen sagen? „Kaffee?“ „Ich trinke keinen Kaffee.“ Wie kann man keinen Kaffee trinken? Ich machte mir was zu essen, er wollte immer noch nichts und verschwand stattdessen im Bad und nach draußen, um eine zu rauchen. Ich schaltete den Fernseher ein und machte die nächste Folge Mila an. Eigentlich wollte ich Pokémon gucken, aber das war mir zu kompliziert. Er kam wieder, sang das Intro mit, setzte sich neben mich und bewunderte meine Sailor Moon Tasse. „Wie soll ich heute jemals arbeiten gehen?“ „Keine Ahnung“ Ich fragte mich ja schon, wie ich es heute jemals zu Rewe schaffen sollte. An Arbeit war gar nicht erst zu denken. Wir schauten die Folge fertig und wenig später kündigte er seine Abreise an. Ich duschte, freute mich über die Reste meiner Pizza und schlief noch mal sechs Stunden.

 

Tja, scheinbar war Spackenstefan jetzt wieder da.