30 Minuten

Es ist Sonntagabend. Eine Freundin meldet sich zum ersten Mal in ihrem Leben bei tinder an und fragt um Tipps. Ich werfe tinder daher ebenfalls an und wische ein wenig herum. Dieses Mal gebe ich nicht nach 5 Swipes nach rechts und keinem Match auf, sondern mache weiter. Und tada! Tinder scheint doch nicht kaputt zu sein und die ersten Matches tauchen wieder auf und dann Nachrichten. So viele Nachrichten.

 

Eine davon kam von Bob. Bob hat ein Profilbild mit einer Sonnenbrille, ist oberkörperfrei und verkörpert eher diesen Typ Aussteiger, der durch die Weltgeschichte reist. Eine männliche Lisa also. „Hey, hast du Lust auf ein kleines Abenteuer?“ „Ich bin eher für große Abenteuer zu haben.“ „Noch besser. Was hast du morgen so vor?“ „Erst muss ich arbeiten. Dann habe ich Zeit.“ Wir machten einen Treffpunkt am Fluss aus sowie eine Uhrzeit und dann stand das Date fest.

 

Dates nach wenigen Sätzen ausmachen, klappt bei mir eigentlich nie gut, weswegen ich kurz vorher auch schon gar keine Lust mehr hatte. Vor allem, weil das eh wieder zu nichts führte. Aber es war nur 10min. entfernt, die Sonne schien, Pokémon lief wieder, weswegen ich ja auch noch einen kurzen Spaziergang machen könnte.

 

Ich lief zum Treffpunkt, war gerade dabei ein Karpador zu fangen, da lief Bob auch schon auf mich zu. Er war eher klein, hatte sehr blaue Augen, die er aber kaum auf bekam und deswegen immer einen leicht verschlafenen Blick drauf hatte. Er hatte einen fürchterlichen Kleidungsstil und hopste komisch beim Gehen. Wir begrüßten uns mit einem Handschlag und schauten uns an. Er war mir auf den ersten Blick unsympathisch. Wahrscheinlich weil er mich sehr an meinen Kumpel erinnerte, der Pick Up Artist ist. Nein, auf so einen hatte ich keine Lust. „Sollen wir uns hier rein setzen und was trinken oder lieber ein Stück laufen?“ Laufen! Bloß kein Geld oder unnötige Zeit verschwenden. Also liefen wir.

 

Bob war Reiseleiter und Animateur und würde in einer Woche wieder verschwinden. Wir unterhielten uns über das Reisen, feiern gehen und anderen belanglosem Kram und setzten uns kurz auf eine Bank. Irgendwann sprang er auf, rief „ich muss mich bewegen! Sollen wir wieder zurück laufen?“ Das Date lief nicht gut. Das merkte er wohl auch. Wenn ich wen von Anfang an unsympathisch finde, dann kann ich das nur schlecht verbergen, verschließe mich und strahle Desinteresse aus. Wir liefen also wieder zurück und irgendwann fragte er, was ich heute noch geplant habe. Ich versuchte mir schnell was auszudenken, aber mir fiel nichts ein. Ihm dagegen schon. Er erzählte mir lang und ausführlich von seinem Kumpel, der gerade in der Stadt sei und der bald wieder verreisen würde. Also wäre heute seine letzte Chance ihn zu treffen. „Kein Problem!“ Und damit verabschiedeten wir uns. Kein „wir hören voneinander“, „wir schreiben“ oder sonst einen Blödsinn. Nur ein „hat mich trotzdem gefreut“.

Nach einer halben Stunde konnte ich mich also wieder den Pokémon widmen, nahm an meinem ersten Raid Kampf teil und konnte erfolgreich ein Relaxo fangen.

Nachts auf der Bank

Wir schreiben eine laue Sommernacht Ende Juni. Ich wurde versetzt. Vom laucharmigen Spackenstefan und bin so aufgebracht und voller Energie, dass ich noch irgendwas machen will. Es ist erstaunlich wie viele unbekannte Menschen noch auf diversen Online-Plattformen unterwegs sind und mit mir schreiben.

 

Jason, der ultraheiße Fotograf aus den USA. „Vielleicht können wir gehen spazieren, so dass du gut einschlafen kannst.“ Können wir gerne Jason, aber du wohnst knapp 70km entfernt und das ist für einen spontanen Spaziergang leider etwas zu weit. „Es fahren noch Bahnen. Soll ich dir ein Foto machen?“ Die Bahnen brauchen fast 2 Stunden und er sieht nicht ein, dass ich die Fahrt nicht auf mich nehmen will. „Steig du doch in den Zug.“ „Ich habe getrunken.“ Ist es in den USA verboten betrunken Bahn zu fahren? Wer weiß.

 

Nils, dessen Profil ich besuche, um festzustellen, dass ich ihn bereits mal getroffen habe. Schnell schließe ich es wieder, aber er hat mich in seiner Besucherliste entdeckt. „Na? Was macht Madame nachts noch hier?“ „Profile angucken und schnell wieder weggehen.“ „Okay, dann will ich dich nicht aufhalten.“ Und eine halbe Stunde später. „Willst du noch was unternehmen?“ Ich bin mir nicht sicher, ob er mich erkennt. Ich schicke ihm ein Foto. Er erinnert sich. „Ohja, das hat mir gefallen damals. Sollen wir das draußen wiederholen?“ Nein. Nicht mit ihm. Er war mir irgendwie unsympathisch.

 

Und dann schrieb mir Tom. Mit ihm hatte ich schon ein paar Mal geschrieben, aber es hatte zeitlich nie geklappt. Er war Anfang 30 und drauf und dran noch was zu unternehmen. „Wonach ist dir?“ „Nach Essen“ „Soll ich dir was vorbeibringen?“ Ich lasse doch keinen Fremden in meine Wohnung! Auch nicht, wenn er Essen hat. Wir einigten uns darauf, dass wir Pizza holten und uns dann an den Fluss setzten. Mitten in der Nacht. Warum nicht.

Tom rief mich noch von unterwegs an und teilte mir mit, dass er jetzt in der Nähe sei und einen Parkplatz sucht. Ich schnappte mir schnell meinen Rucksack, zog meine Schuhe und Jacke an und lief raus. Brr…das war aber kalt. Damit hatte ich nicht gerechnet. Tagsüber war es megawarm und ich hatte die ganze Zeit mein Kleid anbehalten. Natürlich ohne Strumpfhose und jetzt stand ich da. Und dann stand Tom da. Und war so absolut nicht mein Typ. Das kommt davon, wenn man nur ein einziges Foto austauschte. Naja. Ich wollte ja Pizza. Es war inzwischen 3 Uhr und auf den Straßen tummelten sich die Clubgänger. Zielstrebig steuerte ich meine Lieblingssuffpizzeria an und blieb davor stehen, denn sie war viel zu voll. „Also ich will eh nichts essen“, sagte Tom dann. Bitte? Alleine Pizza essen macht doch keinen Spaß. „Aber ich hab Hunger. Aber jetzt will ich Pommes“ und dann steuerte ich den nächsten Mäcces an. Da war keine Schlange und ich bestellte mir meine Pommes, während Tom daneben stand. Er war vorher noch mit Freunden was trinken. „Wie kannst du noch Auto fahren, wenn ihr was trinken wart? Trinkst du nichts?“ „Nein, heute nicht. Eh nur sehr selten.“ Achso.

 

Für einen Spaziergang am Fluss war es mir viel zu kalt, also führte ich uns in eine Allee, an dessen Seiten zahlreiche Bänke stehen. Ich suchte mir eine aus, setzte mich hin und aß meine Pommes, während er mir zahlreiche Fragen stellte. Über meine Joyclub Erfahrungen. Also erzählte ich. Und dann erzählte er. Und das war tatsächlich sehr spannend. Irgendwann waren meine Pommes leer und er wollte näher rücken. Aber ich wollte das nicht. „Was ist? Du wirkst so …“ „Genervt? Das ist mein natürlicher Blick. Das sagen alle.“ „Sollen wir vielleicht zu dir gehen, damit du dich da wohler fühlst?“ „Nein, ich hatte nicht vor heute noch wen in meine Wohnung zu lassen.“ Er wirkte verwirrt. Er hatte sich natürlich direkt mehr erhofft. „Dann musst du jetzt aber sehr unterhaltsam sein!“ Also erzählte ich eine Story nach der anderen und er auch. Irgendwann gestand er, dass das heute gar nicht sein erstes Date war. „Wie? Wann war denn das andere?“ „Direkt davor“ „Du warst also nichts mit Freunden trinken?“ „Nein. Ich war bei einer Frau. Aber das war schlecht.“ Wir hatten vor Stunden schon geschrieben bevor feststand, dass ich mich mit Stinkespackenstefan treffen wollte. Da wollte er schon unbedingt was machen. „Wo hast du die so schnell aufgegabelt?“ „Das ist eine alte Bekannte…“ „Und dann war es (der Sex) heute schlecht? War es das letzte Mal auch schon schlecht?“ „Ja“ „Und wieso hast du sie dann noch mal gefragt?“ „Weil ich heute so unglaublich Bock hatte und dann hab ich sie halt angeschrieben. Die treffe ich aber nur so alle vier bis fünf Monate. Im absoluten Notfall.“ Bah … für den absoluten Notfall habe ich meinen Vibrator. Wie scheiße muss es für sie sein, wenn man nur in Frage kommt, wenn der absolute Notstand herrscht? „… und deswegen bin ich auch noch hergefahren, weil ich dachte, dass es mit dir besser wird.“ Alter … wo kommen diese ganzen Spacken in letzter Zeit denn alle her?!

 

Etwas angewidert rückte ich ein Stück von ihm weg. Was erhoffte er sich jetzt? Dass ich ihm pornomäßig „ich zeig dir wie guter Sex aussieht“ zuflüstere und mit nach Hause nehme? Nein. Sicher nicht. Ich finde es nicht verwerflich mehrere Dates an einem Tag zu haben. Aber das erzählt man doch nicht. Vor allem nicht so. Oder?

Es wurde langsam hell und ich begann herzhaft zu gähnen. „Ich werde jetzt plötzlich mega müde.“ „Sollen wir langsam gehen?“ „Ja“ Wir verabschiedeten uns an meinem Haus und er lief zu seinem Auto. Am nächsten Tag schrieb er mir noch, dass es ja so schade sei, dass ich an dem Tag keine Lust auf ihn gehabt hätte. Nee, ich glaube nicht.

Spackenstefan 2

Ich hatte eigentlich damit gerechnet, dass ich ewig auf seine Ausrede warten müsste oder einfach gar nichts mehr kam. Wobei nein. Wenn Spackenstefan auch sehr unzuverlässig ist: Zurückschreiben kann er. Inzwischen jedenfalls. Das kannte ich ja mal anders.

Aber als ich heute morgen aufwachte und immer noch kein Pokémon spielen konnte, entdeckte ich wenig später eine Nachricht von ihm. 

Ich zeige euch jetzt die unzensierten Screenshots. Ja ok. Extra für euch habe ich den Namen angepasst (sehr sehr vorsichtig damit ich ihn bloß nicht anrufe. Die Screenshots habe ich im Flugmodus gemacht. Man weiß ja nie) und den putzigen Kackhaufen über sein blödes Bild geklatscht. 

RUNTERKOMMEN. Klar. 

Und ab mit dir ins Archiv, du Arschgesicht.

P.S. Dank meiner fabelhaften roten Gang kann ich wieder Pokémon spielen. Heute ist ein guter Tag!

Spackenstefan

Angetrunken liege ich auf meiner weichen Kuscheldecke auf meinem Bett. Angetrunken und angepisst. Sehr angepisst. Grund dafür ist Stefan. Stefan, den ich schon längst aus meinem Leben hätte verbannen sollen. Stefan, der mir damals schon fast bettelnd geschrieben hat, dass er wieder in mein Leben will. Stefan, dem ich vor knapp einer Woche noch mal eine Chance gegeben habe, weil der Spaß mit ihm Spaß macht. Und der danach seinen Zauber verloren hat. Spaß mit ihm ist immer noch okay. Und unkompliziert. Wenn er denn mal mich anschreibt und mich fragt, ob ich spontan Zeit habe. Das ist ja auch okay. Da muss ich nur überlegen und ja oder nein sagen. Denn wenn er mal von sich aus fragt, dann klappt das. Eigentlich.

 

Heute hat er mich wieder gefragt. Wir hatten eigentlich den ganzen Tag geschrieben. Ich weiß nicht wieso. Ich war arbeiten und deswegen zogen sich die Antworten, weswegen es abends war als ich wirklich Zeit fand ausführlicher mit ihm zu schreiben. „Und was machst du so an einem Freitagabend?“ Eigentlich hätte ich auf dem Hurricane Festival im Regen untergehen sollen. Uneigentlich fahren meine ganzen Freunde dieses Jahr aber nicht, dementsprechend gab es nur ein winziges Camp mit einer anderen Freundin, die Karten gewonnen hatte und eine davon ihrer Mutter gab. Da wollte ich mich nicht anschließen. Daher war ich jetzt Zuhause.

Eigentlich hatte ich geplant mit der roten Gang loszuziehen, um endlich wieder Arenen einnehmen zu können. Uneigentlich kann ich mich nicht mehr bei Pokémon Go einloggen 😦 Das ist sehr schlimm für mich.

 

Und deswegen saß ich jetzt Zuhause, hungrig und durstig und schrieb also mit Stefan, während ich mir was zu Essen machte. „Worauf hast du denn Lust?“ schrieb er mir. „Auf Wein“ „Nur darauf? Bist du dir sicher?“ „Auf Wein und vielleicht mehr. Willst du auch trinken?“ „Das sollte die Frage beantworten.“ Er schickte mir ein Foto seines Bieres auf der Dachterrasse. „Wenn dir der Mitbewohner ein kühles Getränk reicht, sagst du nicht nein.“ „Das stimmt“ Wir schrieben ein wenig hin und her. Über 1,5 Stunden. Langsam wurde es spät und ich hatte tatsächlich noch eine Alternative und hätte mich noch wem anderes anschließen können. Er pimmelte aber mal wieder herum und machte keine klaren Ansagen. Also machte ich eine: „Also, was ist nun? Willst du wieder nur stundenlang rumschreiben und am Ende wird doch nichts draus oder wird das heute noch was? Sonst mach ich nämlich was anderes.“ Schreibt … Pause … schreibt … Pause … schreibt … Über zehn Minuten ging das so. Wurde das ein ewig langer Text in dem er mir jetzt erklärt, dass ich nervig und scheiße bin und dass er nie vorhatte sich heute mit mir zu treffen? Fertig. „Ich will dich nicht ärgern 😉 Später vielleicht, aber ich will dich von nichts abhalten. Kann halt jetzt nicht sofort da sein. Erst so um 23.30 Uhr oder 24 Uhr.“ Wieso schreibt man an so was zehn Minuten? Sowas kennt man doch nur von Müttern, die zehn Minuten lang schreiben und alles, was man liest, ist ein „hi“.

„24 Uhr ist okay“ „Gut. Soll ich was mitbringen?“ „Bier“ „Okay“

 

Das klingt doch nach einer Zusage oder? Nach einer Zusage auf die man sich verlassen kann, oder? ODER?

 

Wir machten aus, dass ich ihn vom Bahnhof abhole. So konnte man draußen noch irgendwo das Bier trinken, während man die kühle Sommernacht genoss. Ich überlegte, ob ich noch mal rausgehen sollte oder ich die letzten beiden Folgen Orange Is The New Black schauen sollte. Ich entschied mich für Letzteres, während er mir noch seine genaue Ankunftszeit mitteilte. Alkohol sollte ich ja später noch bekommen. Ich konnte mich gar nicht richtig über das Ende aufregen, weil ich mich beeilen und schnell noch unter die Dusche springen musste und auch noch ein wenig aufräumen wollte. Zufällig schaute ich auf mein Handy als Stefan anrief: „Ja, hi! Bist du schon unterwegs?“ „Noch nicht“ „Okay. Ich stehe hier gerade am Bahnhof und der Zug, den ich nehmen wollte, hat 115 Minuten Verspätung. Das war der ICE. Ich nehme dann die RB. Der kommt dann gleich. Aber dann bin ich später da. Ich guck mal eben, wann der da ist.“ Er klang betrunken. Ich konnte Stimmen im Hintergrund hören und das typische Piepen von schließenden Bahntüren. „Ja, ich bin jetzt in der Bahn, aber hier ist keine Anzeige, wann der bei dir ist.“ „Ich kann das schon nachgucken und dich dann abholen.“ „Ja cool. Dann sehen wir uns gleich! Ich habe nur ein Ticket für den ICE. Ob das wohl auch für die RB gültig ist?“ „Natürlich ist es das“ „Hoffentlich“

 

Das hatte überhaupt keinen Sinn gemacht. Wieso wollte er den ICE nehmen? Der ist dreimal so teuer und nur 5min. schneller. Ich stellte mich also darauf ein erst 20min. später los zu laufen bis mich eine Nachricht erreichte. „Mir reicht’s! Ich bin gerade aus dem Zug geworfen worden wegen angeblichem Schwarzfahren. Ich bin gerade so sauer“

Wollte er mich verarschen? Man wird nicht aus dem Zug geschmissen fürs Schwarzfahren. Vor allem, wenn man noch ein anderes Ticket hat. Ich fragte ihn, wo er gerade war. Im Hurenfunklochkaff. Da hat man keinen Empfang. Nie. Deswegen heißt es Hurenfunklochkaff. Das Kaff lag genau auf der Hälfte von meiner und seiner Stadt. Züge in beide Richtungen waren noch unterwegs. Ich fragte ihn, was er jetzt machen wollte. Keine Antwort. Nicht 5min. später wie nach meiner ersten Frage und 20min. später auch nicht. Also rief ich an. Es klingelte und klingelte und klingelte. Keine Reaktion.

WILLST DU MICH VERARSCHEN DU ARSCHGESICHT?

 

Es kam nichts. Wahrscheinlich dachte sich Spackenstefan „oh ich hab doch Bock auf Party. Ich schreib der einfach, dass ich erwischt wurde und dann fahr ich zurück.“ Wenn er überhaupt jemals in den Zug gestiegen ist und mir nicht da schon irgendeinen Scheiß erzählt hat. WOAH!

Ich erzählte einer Freundin davon, die mit einem wütenden Spongebob GIF reagierte. Wir hassen Spackenstefan jetzt. „Soll ich ihn direkt blocken? Oder erst „Alter fick dich du Arschgesicht!“ schreiben und dann blocken oder abwarten und mir morgen seine Ausrede noch anhören und dir davon erzählen?“ Natürlich entschied sie sich für Letzteres und für euch sind die Kommentare offen, damit ihr Wetten abgeben könnt, was wohl seine Ausrede sein wird.

ein Versuch

Beflügelt durch authentisch anonyms Beitrag über Thorsten, wollte ich auch mal ein Date mit einem Älteren haben. Eigentlich liegt meine Grenze bei 38. Darüber lehne ich erstmal alles ab. Aber ich könnte es ja doch noch mal versuchen. Also öffnete ich meinen Mailaccount und antwortete Frank. Der hatte mir am Vorabend geschrieben, aber ich meinte, dass er mir mit 42 zu alt sei. „Ich lade dich gerne zum Essen ein. Ganz unverbindlich. Du kannst es dir ja mal überlegen.“ Jetzt hatte ich genug überlegt und stimmte zu. Er hatte einen Usernamen mit „grey“. Ich hoffte, dass es weder eine 50 Shades of Grey Anspielung noch seine Haarfarbe war. Denn die konnte man nicht so gut erkennen, weil all seine Bilder schwarzweiß waren. Aber die machten zumindest einen guten Eindruck. Er wirkte sehr seriös in seinem Anzug und ich stellte mir einen großen, attraktiven Mann mit tiefer Stimme dahinter vor.

 

Irgendwann gab er mir seine Handynummer und meinte, dass ich mich ja über WhatsApp bei ihm melden kann. Ich ließ Stunden verstreichen, weil ich es immer wieder vergaß und schrieb ihm irgendwann abends. Blaue Häkchen. Keine Antwort. Danke.

Auch nach Stunden kam nichts und als ich ihn im anderen Portal online gesehen habe, hakte ich nach, wieso er mich denn dazu auffordert zu schreiben, aber nicht mal antworten kann. „Sorry, war unterwegs.“ Alles klar. Ich war jetzt auch unterwegs und zwar ins Bett.

 

Am nächsten Morgen hatte er mir bereits geschrieben und wenig später rief er an. Ich wollte jetzt nicht telefonieren. Ich musste meine Pancakes wenden. Das war gerade wichtiger. Also verschoben wir es auf eine Stunde später. Er rief an. Ich ging ran. Und war enttäuscht. Keine tiefe und männliche Stimme. Eher so was hohes unmännliches. Ich checkte noch mal sein Profil. 1,75m groß. Hmm … da war ich mit meinen 3cm hohen Espadrilles fast genau so groß. Das hatte ich mir irgendwie anders vorgestellt. Da hätte ich ja auch bei meinem 1,95m großen 23-jährigen Toyboy bleiben können. Er erzählte, dass er gerade auf einen Handwerker wartet und danach startklar wäre. „Für was denn?“ „Wir können uns zusammen sonnen.“ Zusammen sonnen? Wenn ich mich sonnen will, dann lege ich mich alleine in den Park und lese dabei ein Buch oder schreibe. Da will ich doch keinen neben mir haben, der mich ständig irgendwelche Sachen fragt. „Du kannst auch zu mir kommen. Ich habe einen blickgeschützten Garten. Da könnten wir uns nackt sonnen.“ Und schon hatte ich keine Lust mehr. Was war das mit dem stilvoll Essen gehen? „Ich will nicht zu dir. Ich habe keine Lust ewig lang mit Bus und Bahn durch die Gegend zu fahren. Nicht bei 30 Grad.“ „Ich hole dich ab. Im Cabrio. Wir können uns aber auch woanders hinlegen und danach was Essen oder Trinken gehen.“

 

Ich sollte es mir überlegen, während er auf den Handwerker wartete und wollte sich dann später noch mal melden. Eine halbe Stunde später rief er wieder an. „Boah, das ist echt unglaublich. Der Handwerker war schon hier. Aber er hat nur geklingelt und ist dann wieder gegangen. Ich war draußen im Garten, aber er stand nur vor der Tür und kam nicht mal ums Haus herum…blabla…blabla…“ 10 Minuten lang beschwerte er sich mit seiner piepsigen Stimme über den unfähigen Handwerker. Seufzend hielt ich das Handy von mir weg und wartete bis er irgendwann damit aufhörte. Plötzlich horchte ich wieder auf: „…das einzigste …“ Wer einzigster sagt, kann kein guter Mensch sein. Ich widerstand dem Drang „EINZIGSTE GIBT ES NICHT!“ zu schreien und legte das Handy wieder neben mich. Vielleicht bin ich da etwas kleinlich, aber sich bei einem potentiellen Date über den armen Handwerker auszulassen, der ja auch nichts dafür kann, dass die Klingel im Garten nicht gehört wird, ist nicht gerade sehr charmant oder sympathisch.

 

„Bist du eingeschlafen?“ „Ja, fast.“ „Wie kann das passieren? Also. Ich bin jetzt frei. Was machen wir?“ „Ich habe keine Lust mehr.“ „Was?“ „Ich habe keine Lust mehr.“ „Ich habe das gerade nicht mehr verstanden. Was hast du? Ich habe dir doch jetzt einige Vorschläge gemacht, aber irgendwie kommt von dir nichts.“ „Das nennt man Desinteresse.“ „Was?“ Ich seufzte. „Ich habe heute keine Zeit mehr, um was mit dir zu machen.“ „Das verstehe ich nicht. Wieso hast du jetzt keine Lust mehr?“ Er hatte also sehr wohl verstanden, dass ich keine Lust mehr auf irgendwelche Aktivitäten mit ihm hatte. „Nach dem Telefonat ist mir die Lust irgendwie vergangen.“ Er wiederholte noch ungefähr zehnmal, dass er das nicht versteht. Ich wiederholte noch fünfmal, dass mir die Lust jetzt einfach vergangen sei und dann legte ich auf.

 

Mein Ausflug ins Land der ü40er muss dann wohl noch etwas warten.

Jetzt weiß ich es

Über meinen Geburtstag bin ich in meine Heimatstadt geflüchtet, weil ich ihn mit meinen besten Freunden feiern wollte. Jetzt sitze ich im IC nach Hause, lese und fahre durch Stefans Stadt. Kurz überlege ich, ob ich ihm schreiben soll. Er hatte es offen gelassen, dass ich mich immer bei ihm melden kann, wenn ich Lust dazu hatte. Inzwischen habe ich jegliche Hoffnung auf etwas Ernsthaftes mit ihm aufgegeben, erwische mich aber immer wieder dabei daran zu denken, noch einen weiteren Versuch mit ihm zu wagen. Weil der Spaß so viel Spaß mit ihm macht. Nach nicht mal einer Woche „Funkstille“ hatte er mir bereits wieder geschrieben und gefragt, ob ich mit ihm auf eine Party kommen will, die in meiner Stadt stattfindet. Aber ich war gerade dabei meine eigene Party vorzubereiten und hatte keine Zeit.

 

Der Zug fährt durch den Bahnhof und ich widme mich wieder meinem Buch. In meiner WG erwartet mich bereits meine Mitbewohnerin, die einen Kuchen für mich gebacken hat. „Der heißt Schokotraum und enthält bestimmt 5000 Kalorien.“ Also sage ich spontan zwei Freundinnen Bescheid, dass es Kuchen gibt. Das Ding will ich garantiert nicht allein vernichten. Sie kommen vorbei und als Julia, meine ehemalige Mitbewohnerin, die WG-Küche betritt, ruft sie theatralisch: „Heute ist offizieller ‚Julia wurde gekorbt’-Tag!“ und beginnt sofort ihr Leid mit uns zu teilen. Sie wurde geghosted. Von Stefan (ja, so heißt er wirklich). Stefan ist „eine gute Partie“ (Julia ist btw die spießige Jura Studentin), weil er aussieht wie ein Model, in Schweizer Franken verdient und aussieht wie ein Model. Eigentlich hätten sie heute ein Date gehabt. Das Zweite. Julia hatte ihn morgens beiläufig gefragt, wann sie sich denn treffen wollen, aber nie eine Antwort darauf erhalten. Die Häkchen waren blau. Die Nachricht wurde gelesen. WhatsApp mit seiner Stalker Funktion ist echt scheiße.

 

Julia wird mit Kuchen und Wein versorgt und nachdem sie fertig erzählt hat, brennt der Rest natürlich darauf Fotos vom angeblichen Model zu sehen. „Mist! Ich habe kaum Empfang hier“, ruft Julia als sie ihn uns bei Facebook zeigen will. „Ich habe WLAN. Benutzen wir mein Handy“ rufe ich dann selbstlos. Und bevor ich Julia mein Handy in die Hand drücken kann, sehe ich, dass Stefan mir geschrieben hat. Nicht Model-Stefan. Mein Stefan. „Hey, ich bin gerade durch deine Stadt gefahren und musste an dich denken ;)“ Riesiger gruseliger Zufall, der mich geistesabwesend „was machst du in meiner Stadt?“ tippen lässt, bevor ich mich Model-Stefan widmen kann. Ja, er sieht tatsächlich aus wie ein Model. Aber der antwortet ja nicht, also haken wir ihn alle ab. Normalo-Stefan dagegen schreibt, erzählt mir, dass er auf irgendeinem Geburtstag war. Und weil ich nicht mehr reagiere, weil jetzt Tanjas letztes tinder-Date Thema ist, schreibt er weiter. „Und wie geht’s dir? Was machst du?“ „Ich esse mit Freunden meinen Geburtstagskuchen.“ „Oh, hast du Geburtstag?“ „Am Wochenende hatte ich“ „Alles Gute nachträglich. Bleib so wie du bist!“ Ich bedanke mich und benebelt von Wein und Kuchen gestehe ich ihm, dass auch ich heute beim durchfahren an ihn denken musste. „Wieso hast du mir nicht geschrieben?“ „Mein Buch war dann so spannend.“ „Sehr ärgerlich“ Finde ich auch ein bisschen. Heute hätte ich Lust auf ihn gehabt. Der Kuchen wurde vernichtet, Tanja und Julia sind auf dem Weg nach Hause und meine Mitbewohnerin verabschiedet sich ins Bett. Ich begebe mich in mein Zimmer und will meinen Koffer auspacken, als Stefan wieder schreibt. „Wirklich sehr sehr ärgerlich. Ich muss morgen erst um 13 Uhr arbeiten.“ „Super ärgerlich!“ „Wieso? Hast du morgen auch noch frei?“ „Ja“ „Ich könnte um 1 Uhr bei dir sein“ Huch? Wochenlang habe ich mich darüber beschwert, dass er keine Zeit für mich findet und jetzt will er plötzlich vorbei kommen? Ich schreibe nur „okay“ und erhalte kurz darauf die Nachricht, dass er jetzt duschen geht. Seine letzte Bahn kommt in 20min.

 

Ich mache mir gar nicht erst die Mühe sorgfältig aufzuräumen und versuche nur den Durchgang zwischen Bett und Tür frei zu räumen. Anschließend springe ich unter die Dusche und befreie mich von meinem Zugfahrmake-up. „Ich bin gespannt wie du mich erwartest ;)“ schreibt mir Stefan noch bevor er losläuft. Wahrscheinlich denkt er an eine aufregende Spitzenkorsage und Halterlose. Aber dafür ist es zu warm, ich zu vollgefressen und überhaupt will ich mir keine Mühe geben. Wer weiß, ob er jemals hier ankommen würde. Schließlich hatte er mir die letzten Male auch schon spontan abgesagt, weil noch was dazwischen kam. Daher ziehe ich irgendein sauberes Kleid aus dem Schrank, das auch ohne BH sitzt. Zufälligerweise ist das aber schwarz, recht kurz und hatte auf dem Rücken einen weißen Spitzenhäkeleinsatz. Naja, umso besser.

Weil er jetzt nicht direkt von der Arbeit kommt, konnte ihm nichts dazwischen kommen und er steht irgendwann vor der Tür. Die Klingel ist aktuell kaputt und darf er wegen der bereits schlafenden Mitbewohnerin eh nicht benutzen, weswegen er kurz durchklingeln lässt. Im Dunkeln laufe ich auf den Hausflur und lasse ihn rein. „Hi“ sagte er leise mit seiner jungenhaften Stimme. „Hi“ antworte ich und er macht die zwei Schritte auf mich zu und küsst mich direkt, ohne mich zur Begrüßung wie gewohnt zu umarmen. Plötzlich drückt er mich gegen die Hausflurwand und der Begrüßungskuss artet in eine minutenlange Knutscherei und Fummelei aus bis er atemlos von mir lässt. „Alles Gute nachträglich“ „Danke“ Und dann gehen wir in mein Zimmer. „Jetzt sehe ich dich endlich richtig.“ Er mustert mich von oben bis unten. „Gut siehst du aus.“ Er freut sich darüber, dass ich ein Kleid trage und ich soll mich drehen, damit er den Rückenausschnitt sehen kann.

 

„Ich habe gehört, dass deine Mitbewohnerin nachts jetzt immer Ohropax trägt?“ Das hatte sie mir beiläufig irgendwann mal erzählt. Und ich habe es ihm wohl irgendwann mal erzählt. Der Kerl konnte sich an echt alles erinnern, was ich jemals gesagt habe. „Ja…“ und dann drückte er mich auf mein Bett. Die Knutscherei geht weiter und irgendwann lässt er meinen Kopf los, um sich zwischen meine Beine zu begeben. So beschäftigungslos fängt der Kopf natürlich an zu rattern und fragt sich die ganze Zeit, ob das hier jetzt richtig ist. Bis Stefan sich wieder meinem Kopf widmet und dafür sorgt, dass mein Kopf nichts anderes außer „Gott, wieso kannst du so gut küssen?“ und „ich will dich so sehr“ denken kann. Und dann lasse ich mich fallen. Einmal, zweimal, dreimal, viermal, keine Ahnung wie viel mal und irgendwann muss ich seine Hand wegschlagen und mich an die andere Ecke des Bettes setzen, weil ich das Gefühl habe, ohnmächtig zu werden.

 

Ich bekomme Massagen, Streicheleinheiten, Stirnküsse aber trotzdem habe ich nicht das Bedürfnis mich beim Einschlafen an ihn zu kuscheln und bleibe die ganze Nacht über auf meiner Seite. Außer um ihn zwischendurch zu schubsen, weil er anfängt zu schnarchen. Das war früher anders. Jetzt stören mich seine irgendwie immer muffigen Klamotten, seine kratzige Brustbehaarung und seine kratzigen behaarten Beine. Seine Arme sind auch nicht mehr so stark wie damals und ich will sie nicht mal mehr anfassen. Und das heißt schon was. Von unten betrachtet ist sein Gesicht gar nicht mehr so hübsch, seine Ohren stehen ab und selbst seine Hipsterfrisur nervt mich irgendwie. Außerdem sind seine Beine viel dünner als meine. Seit wann ist er so ein Lauch geworden?

Ich bin nicht traurig als er sich morgens auf den Weg zur Arbeit macht und erwidere das Grinsen meiner Mitbewohnerin nicht als sie mir erzählt, dass sie da wen auf dem Weg zum Bad getroffen hat. Es ist mir auch egal, als er mir schreibt, dass er es trotz Bahnverspätung pünktlich zur Arbeit geschafft hat. Von mir aus hätte er mir gar nicht schreiben müssen.

 

Tja, ich denke, ich bin geheilt.

Ein echter Kevin

„Hey, ich habe jetzt frei und könnte direkt los fahren.“ Huch? Wer war das denn? Achja … Leonardo. Wir hatten irgendwann mal geschrieben. Mitten in der Nacht. Er wollte mich am liebsten sofort spontan besuchen kommen. Aber nein. Das wollte ich nicht. Stattdessen vertröstete ich ihn auf ein paar Tage später und irgendwann machten wir wohl was Festes aus. Ja. Das war Tage her. Seitdem hatten wir wenig Kontakt und daher hatte ich es auch total vergessen, dass wir verabredet waren. Das ist das Problem mit mir und Wenigschreibern. Ich bin es total gewohnt immer und überall über alles informiert zu sein. Vor allem, wenn ich die Person noch nie getroffen habe, muss ich dreimal bestätigt bekommen, dass er sich jetzt auf den Weg macht und ich nicht umsonst irgendwohin fahre. Nur bei wenigen Freunden weiß ich, dass ich Tage im Voraus eine Verabredung vereinbaren kann und sie sich ganz alleine daran erinnern. Aber bei den meisten fragt man vorher eben, ob es bei Uhrzeit xy bleibt. Macht man heutzutage halt so. Und weil Leonardo das nicht gemacht hat, stand ich nun mitten in der Stadt und färbte mit ein paar anderen Pokémon Go Spieler die Arenen wieder rot. „Bin noch unterwegs. Kann frühstens um 20 Uhr.“

 

Ich wollte mich gerade auf den Heimweg machen als es fürchterlich anfing zu regnen. Verzweifelt schrieb ich in meine Pokémon Gruppe, dass ich an Arena xy stehe. Vielleicht war ja noch wer unterwegs und würde sich dazu erbarmen mich nach Hause zu fahren. Nein. Alle weg. Also musste ich warten und nutzte die Zeit, um die Arena zu trainieren. „Wird eher 21 Uhr“ schrieb ich vorsichtshalber als ich die dunklen Wolken betrachtete. Statt Regenschirm hatte ich nur eine Sonnenbrille dabei und die brachte mich eher nicht trocken nach Hause. Irgendwann tröpfelte es nur noch und ich lief los. Zuhause angekommen zog ich mich schnell um und hatte sogar noch Zeit für einen Salat, weil Leonardo dann doch nicht über die Autobahn heizte, sondern sich glücklicherweise Zeit ließ. „Habe jetzt geparkt.“ „Wo?“ Ich hatte ihm einen Straßennamen meines Stadtviertels verraten. Mehr wollte er gar nicht für sein Navi wissen. Wo wollte er denn jetzt stehen? „Ecke so und so. Silberner BMW“ Ich hatte Minuten zuvor zufällig aus dem Fenster geschaut und das passende Auto verdächtig oft durch meine Straße fahren sehen. War wohl auf der Suche nach einem Parkplatz. Und jetzt hatte er wohl einen gefunden. „Okay. Ich komme raus“ und dann stand ich da blöd rum, weil ich das Auto nicht mehr finden konnte. Er schickte mir seinen Standort, der dummerweise auch nicht auf den Meter genau ist und mich zu einem falschen Ort lockte. „Kalt“ kam es per WhatsApp. Er hatte mich bereits entdeckt und beobachtete mich aus dem Auto heraus. Witzig. Nicht. „Süß, wie du da stehst und suchst.“ Ich war kurz davor einfach wieder zu gehen. „Wo bist du denn?“ „Einmal über die Straße“ Ich lief über die Straße. „Nein, andere Seite“ Woah … soll er doch einfach aussteigen. Ich wählte gerade seine Nummer, da stand er plötzlich vor mir. Er war riesig und leider gar nicht mein Typ. Puh. Ihn umgab eine penetrante Parfumwolke. Wahrscheinlich wollte er den Schweißgeruch verbergen, der darunter leider noch deutlich zu erkennen war. Ich hatte zwar Fotos von ihm gesehen, aber da war sein Gesicht meist von einer Sonnenbrille verdeckt. Außerdem lenkten sein trainierter Oberkörper und seine starken tättoowierten Armen irgendwie davon ab. In meinem Kopf war er ein attraktiver Italiener. Der Name klang danach und weil seine Grammatik nicht so flüssig war, hielt ich ihn für einen Nicht-Muttersprachler. Vor mir stand aber eher so ein Poser-Kevin mit getuntem BMW. Verdammt!

 

Fieberhaft überlegte ich mir eine Ausrede wie ich ganz schnell flüchten konnte. Aber ich fand keine und direkt „sorry, aber du bist doch nicht mein Typ“ zu sagen, wäre fies und oberflächlich gewesen. Auf ein Bier konnte ich mich ja einlassen. Also nahm ich Platz in seinem Auto und war angenehm überrascht. Es lief alt-J. Vielleicht täuschte sein Aussehen ja doch und er war gar nicht so schlimm. Wer alt-J mag, kann schon mal kein schlechter Mensch sein. Tja … Alt-J gaben ein Radiokonzert auf 1Live. Und den Sender hatte er zufällig an. Alle Hoffnung war doch wieder verloren. Ich lotste uns zu einer Cocktailbar, die recht leer war und wir setzten uns weit nach hinten. Ich bestellte einen Mojito, er einen Caipi. Und dann redete er. Und redete. Und hörte gar nicht mehr auf. Mein Gott, konnte der viel reden. Zwischendurch ließ er mich auch mal zu Wort kommen, aber wenn ich redete, hatte ich immer das Gefühl, dass ihn das langweilen würde und nur darauf wartete, dass er wieder reden konnte. Er war gar nicht mal so dumm wie er aussah und bekam sprechend auch gerade Sätze hin. Irgendwann bestellte er noch einen Cocktail und ich ein Alster. So schlimm wie ich anfangs dachte, wurde das Date dann doch nicht. Auch wenn ich jetzt nicht mehr wiedergeben kann über was wir bzw. er da zwei Stunden alles redeten. Irgendwann waren dann auch die nächsten Getränke leer und die Bar wollte bald schließen. Also liefen wir zu seinem Auto.

 

Wir hatten uns über den Joyclub kennen gelernt und dort gibt es Listen mit den Vorlieben. Er hatte meine noch mal gecheckt als ich auf der Toilette war und wollte mich damit jetzt konfrontieren. „Ich habe gesehen, was bei dir unter „unbedingt“ steht. Das mag ich auch sehr gerne“ und dann beugte er sich zu mir und küsste mich. Puh. Er nutzte den Überraschungsmoment voll aus, denn das traf mich völlig unvorbereitet. Ich hatte keine Chance auszuweichen oder sonst was und musste mich mehr oder weniger darauf einlassen. Weil wir in seinem Auto saßen, es bereits nach 0 Uhr und dementsprechend dunkel war, war es auch nur halb so „schlimm“. Tatsächlich konnte er ziemlich gut küssen. Ich habe mir seine Vorlieben vorher nicht noch mal angeschaut, aber ich denke, dass „dirty talk“ ganz oben stehen muss, denn er hörte auch beim Küssen nicht auf zu reden. Er erzählte mir, was er alles mit mir anstellen will und auf was er steht. Ich musste zum Glück nicht darauf antworten. Ich hasse Dirty Talk und eigentlich bringt mich das immer nur zum lachen. „Ja, das mag ich. Und weißt du, was ich noch mag? Was ich liebe?“ Er griff an meine Seite und kniff in meinen Hüftspeck. „Das mag ich. Das brauch ich. Darauf steh ich. Ja, das brauch ich.“ Gut, dass das Licht aus war und dass das Radio lief. Ich bekam mich gar nicht mehr ein vor Lachen und wollte am liebsten laut losprusten. Er hörte nicht mehr auf: „Ich bin ein Mann. Ich weiß, was ich will und brauche. Und ich brauche das da. Jungs wollen mit Knochen spielen. Echte Männer wollen weibliche Frauen.“ Das alles hauchte er mir mit seiner Schlafzimmerstimme ins Ohr. Mir kamen inzwischen die Tränen. Vor Lachen.

 

Er flüsterte mir weiter irgendwas zu, während ich fieberhaft überlegte wie ich das jetzt am besten beenden sollte. Aber dann wurden wir von einem Blinken unterbrochen. Sein Handy. Er hatte nämlich noch nicht rausgefunden, wie er das Taschenlampenlicht deaktivieren konnte, wenn ein Anruf kam. Also blendete uns das Licht jetzt und um es auszumachen, musste er rangehen. Vielleicht war er doch ein Kevin. Ich hörte wie er als „Hurensohn“ beschimpft wurde. Ging wohl um irgendeinen Schlüssel. „Das war mein Bruder.“ Klar…da macht die Beleidigung Sinn. Scheint wohl auch ein Kevin zu sein. „Er hat seinen Schlüssel gesucht. Aber ich hab den nicht.“ Er startete dann das Auto und bemerkte, dass die Batterie leer war. Oh Gott. Ich befürchtete das Schlimmste und sah mich noch weitere Stunden mit ihm hier im Auto sitzen. Dabei musste ich echt dringend auf Klo. „Da vorne ist ein kleiner Hügel oder? Da muss ich jetzt wohl schieben!“ Und dann öffnete er auch schon die Tür. Was? Schieben? Muss ich da nicht helfen? „Bleib einfach sitzen. Ich mach das schon. Und wenn nicht, dann hilft mir schon irgendein anderer Typ.“ Und dann sprang er aus dem Auto und schon bewegte es sich. Hilfe. Nach dem zweiten Versuch sprang es direkt an und er fragte mich, wo er jetzt langfahren soll. Ich hatte keine Ahnung, was er jetzt geplant hatte und lotste uns einfach mal zu mir. Ich musste inzwischen echt dringend. Wir bogen in meine Straße ein und schon von weitem konnte er die Nachbarin sehen, die noch immer die Straßen kehrte. „Die fegt immer noch? Das hat die vorhin doch schon gemacht!“ Er erkannte also, dass wir bei mir waren. Trotzdem fragte er: „Und? Was gibt es hier jetzt?“ „Hier wohne ich.“ „Achso. War es das schon? Ich wollte doch noch so viel mit dir machen.“ „Das muss wohl warten. Ich muss jetzt echt dringend auf Klo.“ Und damit verabschiedete ich mich bei ihm.

 

Zum Glück meldete er sich nie wieder bei mir.